Im ersten Teil des Interviews geht es um die funktionelle Klauenpflege nach Karl Bürgi. Du erfährst, warum die richtige Klauenpflege so wichtig ist und wie oft Klauenpflege erfolgen sollte.
Dies ist der erste Teil vom Interview. In der nächsten Folge gibt es den zweiten Teil des Interviews. Dann wird es um die Bodenbeschaffenheit im Stall gehen. Du wirst erfahren, welche Böden für die Klauen gut sind und was erfolgreiche Betriebe tun, um die Klauen ihrer Kühe gesund zu halten.
Im Kuhstallbau-Onlinekurs gibt es jetzt ganz neu Bonusvideos mit Vorträgen von Karl Bürgi. Da geht es z. B. um die Oberfläche des Bodens, Faktoren für die Klauengesundheit und die funktionelle Klauenpflege. Wenn Dich das interessiert, weil du selbst gerade eine Baustelle im Stall hast, melde dich gerne bei mir!
Mein heutiger Interviewgast kommt aus dem US-Staat Wisconsin und beschäftigt sich schon fast sein ganzes Leben lang mit der Klauenpflege von Kühen. Er ist in der Ost-Schweiz auf einem kleinen Betrieb groß geworden und mit 22 Jahren in die USA ausgewandert. Die Klauenpflege wurde sein Steckenpferd, weil er mit den damaligen Behandlungsmethoden nicht zufrieden war. Mit Versuchen und wissenschaftlicher Begleitung entwickelte er ein eigenes System, um Klauen zu schneiden. Mittlerweile bringt er sein Wissen weltweit in Betriebe ein, wie man Lahmheiten bei Kühen vermeidet. Herzlich willkommen, Karl Bürgi!
Wie unterscheidet sich die funktionelle Klauenpflege, die man im deutschsprachigen Raum kennt, von der Klauenpflege-Methode nach Bürgi?
Die Grundlagen sind ähnlich. Ich habe geändert, wie man sie durchgeführt hat. Aus meiner Erfahrung braucht die moderne Kuh eine moderne Klauenpflege. Das bedeutet, dass man da Fortschritte machen muss und die Klauenpflege nicht wie vor 30, 40 Jahren machen sollte. Ich habe die Anatomie der Klaue intensiv studiert und viele tote Klauen seziert, um zu sehen, was innerhalb der Klaue passiert. Meine Erfahrung, die Anatomie und die Ursachen der Lahmheiten hat mich dazu bewegt, die Klauenpflege umzustellen. Zum Beispiel hat man früher immer mit der Innenklaue hinten angefangen, dann die Außenklage vorne, und hat dann die Außenklaue hinten der Innenklauen angeglichen. Das gleiche vorne, da hat man die Innenklaue der Außenklage angeglichen.
Ich habe beobachtet, dass dort viele Fehler gemacht wurden. Zum Beispiel hat man die Innenklaue hinten zu stark beschnitten und die Außenklaue angepasst, sodass beide Klauen zu stark geschnitten wurden. Nach meinen Beobachtungen weltweit werden rund 80 % der Kühe im Klauenstand zu stark beschnitten.
Bei deiner Methode gleichst du auch die Innen- und Außenklaue an. Wo ist der Unterschied?
Im ersten Schritt messen wir beide Klauen und passen die Länge und Sohlendicke an. Im zweiten Schritt machen wir dann die Anpassung wie die funktionale Klauenpflege. Da gleicht man meist die Trachtenhöhe der Außenklaue der Innenklaue an. Wenn man aber die Kühe von Anfang an richtig schneidet, müssen wir die Trachtenhöhe nur selten anpassen. Wenn ich rund 350 bis 400 Kühe im Monat schneide, muss ich das vielleicht zweimal machen. Das liegt daran, dass wir die meisten Rinder schon drei bis acht Wochen vor dem Abkalben uns anschauen und die Hohlkehlung schneiden. Das hat einen großen Einfluss, weil wir die erste Entzündung in der Sohle vorbeugen können, allein durch das richtige Klauenschneiden. Auch der zweiten Entzündung, die meist nach dem zweiten Abkalben auftritt, kann damit gut vorgebeugt werden. Auf vielen guten Betrieben sehe ich dann keine Sohlenrötungen oder -blutungen, meist treten die erst ab der vierten Laktation auf. Das können wir durch die Klauenpflege gut ausdehnen und viele Jahre weniger Probleme damit haben.
Wie oft soll man die Kühe schneiden? Empfiehlst du, Jungtiere acht bis drei Wochen vor der ersten Kalbung zu schneiden oder muss das schon früher erfolgen?
Das kommt ganz auf das Haltungsverfahren, die Böden und die Betriebsgröße an. Wenn Tiere viel auf Tiefstreu stehen, müssen sie mit 15 bis 18 Monaten einmal in den Klauenstand für eine funktionelle Klauenpflege. Wenn die Tiere aber auf Tiefstreu gehalten werden und im Sommer auf die Weide gehen, ist das manchmal nicht notwendig. Dann reicht der erste Schnitt rund drei bis acht Wochen vor dem Abkalben. Für mich ist der Schnitt der Färsen der wichtigste Klauenschnitt für das Tier. Es ist sehr wichtig, dass drei Wochen vor und drei Wochen nach dem Abkalben keine Lahmheit auftritt.
Was ist deine Empfehlung bei Problemkühen?
Bei Problemkühen werden die hinteren Klauen am Laktationstag 30 bis 45 Tagen noch einmal kontrolliert. Ich möchte keine Kühe zwischen dem 45. und 120. Laktationstag in den Klauenstand bringen müssen. In diesem Zeitraum sind das Hochleistungstiere, wenn wir sie in ihrem Tagesablauf stören, dann kostet das Milch. Auch langfristig nimmt das Einfluss auf die Jahresproduktion einer Kuh. Das haben wir auf den Betrieben, die wir betreuen, beobachtet. Dort werden die Kühe zwischen dem 110. Und 140. Tag wieder geschnitten sowie ältere Kühe mit Problemen. Kühe, die Rötungen aufweisen, werden alle 90 Tage wieder kontrolliert.
Im Sommer kontrolliere ich diese Kühe sogar alle 60 Tage, weil sie bei Hitzestress mehr stehen. Für eine Kuh, die zum Beispiel 60 Liter am Tag gibt, ist es noch wichtiger, dass sie gut gekühlt wird und dass die Klauen gut funktionieren, da sie mehr steht als üblich und noch mehr Hitze als üblich produziert. Das Gewicht der Kuh muss gut auf den Klauen gelagert sein, das hat einen großen Einfluss.
Also reicht bei jungen Kühen eine Klauenpflege zweimal im Jahr, bei älteren oder Problemkühen vier bis sechsmal. Was empfiehlst du für einen Rhythmus, in dem der Klauenpfleger auf den Betrieb kommen sollte, z. B. bei einem Betrieb mit 100 bis 150 Kühen?
Wenn ein Klauenpfleger an einem Tag den gesamten Bestand schneidet und dann etwa dreimal im Jahr kommt, schneidet man immer Kühe zum falschen Zeitpunkt ihrer Laktation. Da sind dann zum Beispiel Kühe dabei, die drei Wochen bis drei Wochen nach der Kalbung befinden, Kühe zwischen dem 60 und 110 Tag während ihrer Höchstleistungen. Auf kleineren Betrieben kann man da nicht viel machen, das passiert. Auf größeren Betrieben sollte der Betriebsleiter oder Herdenmanager einige Kühe zwischendurch schneiden bzw. kontrollieren. Dann müssen die Kühe in diesen sensiblen Lebensabschnitten nicht durch den Klauenstand.
Bei der funktionellen Klauenpflege nach Bürgi ist der erste Schritt die Anpassung der Längen und Sohlendicken der Klauen. Der zweite Schritt ist die Angleichung vom Ballen. Was ist der dritte Schritt?
Der dritte Schritt ist die Hohlkehlung. Ich mache heute an den meisten Kühen eine Hohlkehlung, die über 80 % der Sohle geht. Das wird nur an der Außenklaue gemacht, da diese Klaue das Gewicht anders trägt. Die Hohlkehlung muss dabei an die Sohlendicke angepasst sein. Also darf zum Beispiel bei einer dünnen Sohle an der Außenklaue die Hohlkehlung nicht zu groß sein, damit man nicht zu viel Lauffläche wegnimmt. Sonst sehen wir an dieser Klaue mehr Abrieb, das ist besonders in Betrieb mit aggressiven Böden gefährlich. Ich denke zum Beispiel auch an Kühe und Rinder, die im Laufstall aufgewachsen sind. Da darf man eine Hohlkehlung bis 80% der Sohle schneiden. Wir haben beobachtet, dass das Sohlengeschwüre und Rötungen reduziert. In einem Versuch auf einem Betrieb haben wir sogar beobachtet, dass eine größere Hohlkehlung Mortellaro reduziert hat.
Das Wichtigste für die Hohlkehlung ist, dass man nicht in den Spitze schneidet, besonders, wenn man mit der Flex arbeitet. Wenn man dort zu scharf schneidet, kann das Lahmheiten verursachen.
Bedeutet das, dass wir das untere Drittel am Bereich der Spitze komplett stehen lassen, sowohl den Tragrand außen als auch innen?
Genau, dann beginnt erst die Hohlkehlung. Die machen wir erst im Sohlenbereich, das erste Drittel der Klaue von der Spitze lassen wir also. Danach kann man ungefähr zweieinhalb Zentimeter rund um den Punkt, an dem meist das Sohlengeschwür auftritt, das Sohlenhorn schön ausdünnen. Auch die inneren scharfen Kanten kann man ausdünnen, das ist eine gute Vorbeuge gegen Limax.
Dünn schneiden heißt dann, dass die Sohle sich bewegt, fast wie bei Haut und nicht festbleibt wie beim Horn? Sodass man sich selbst fragt „Darf ich das überhaupt?“
Das ist richtig. Umso mehr man da wegnimmt, umso länger braucht es, wieder zu wachsen. Besonders bei Kühen, die schon mal eine Rötung in der Sohle hatten, wissen wir, dass in der Region des Sohlengeschwürs das Sohlenhorn schneller nachproduziert wird, als Reaktion auf den Schaden im Inneren beim Klauenbein, Fettpolster oder Unterhaut. Wenn man also eine Hohlkehlung schneidet und schön ausdünnt, reduziert man gleichzeitig das Hornwachstum im Sohlenbereich.
Du hast noch einen vierten Schritt. Was ist noch zu tun?
Der vierte Schritt ist wie die in der funktionellen Klauenpflege der Schnitt bei einem Sohlengeschwür oder einem Weiße-Linie-Defekt. Man verringert dann die Sohlenfläche vom Ende des inneren Tragrand bis zur Balle. Man bringt die gesamte Fläche runter und klebt dann auch auf die gesunde Klaue einen Klotz. Das macht man an der hinteren Außenklaue, auf keinen Fall an der Innenklaue.
Wenn man die Klauenpflege so durchführt und die Einflussfaktoren im Stall auf die Klaue gut gelöst hat, wie viele Kühe im Klauenstand sind dann normal, z.B. bei einer Herdengröße von 100 Kühen? Wie viele Lahmheiten sind dann wirklich schwer vermeidbar?
Ich denke, es ist wichtig, dass wir die Kühe gut durch die kritischen Phasen bekommen. Die meisten Lahmheiten passieren von Mitte August bis Ende Oktober, als Folge von Hitzestress im Sommer. Viele dieser Lahmheiten treten innerhalb der ersten 30 Tage nach der Abkalbung auf oder zwischen dem 80. Und 120. Laktationstag, wenn die Kühe in ihrem Leistungspeak sind. Meist sind das dann Sohlengeschwüre oder Weiße-Linien-Defekte.
Sohlengeschwüre ist eine Krankheit von Kühen, die zu viel stehen, Weiße-Linien-Defekt haben oft Kühe, die im Sommer viel halb in der Liegebox stehen oder auf schlechten oder glatten Böden leben. Unser Ziel ist, dass weniger als 4% unserer Kühe einen Weiße-Linie-Defekt bekommen, also maximal vier von 100 Kühen im Jahr. Sohlenspitzengeschwüre sollte es noch weniger geben, also maximal eine von hundert Kühen im Jahr. Bei Mortellaro sollte das Ziel sein, dass weniger als 8% der Kühe pro Jahr daran erkranken. Wenn die Klauenpflege richtig gemacht wird, ist das realistisch.
Du skalierst die Kühe von 1 bis 3. 1 ist einwandfrei, zwei ist leicht eingeschränkt und 3 ist lahm. Muss die 2er Kuh schon in den Klauenstand und gilt dann in der Statistik schon als erkrankte Kuh?
Die Kuh mit dem Lahmheitsscore 2 kann eine Kuh sein, die schon mal ein Problem an den Klauen gehabt hat, zum Beispiel ein Sohlengeschwür oder einen Weiße-Linie-Defekt. Dadurch hat sie permanente Schäden am Klauenbein und an der Lederhaut. Vielfach brauchen diese Kühe nur eine Kontrolle von Zeit zu Zeit. Wir müssen immer verstehen: Wenn wir eine lahme Kuh haben, sehen wir das zwischen sechs und acht Wochen zu spät.
Man kann sich diese Kühe zum Beispiel in den Kalender oder ins Herdenmanagementsystem eintragen und von jetzt bis zum Juli alle 90 Tage kontrollieren. Klauen checken, etwas Hohlkehlung schneiden und dann werden sie nicht lahm. Das Ziel ist, niemals eine Kuh mit Lahmheitsscore 3 zu haben. Das passiert aber trotzdem von Zeit zu Zeit. Auf großen Betrieben mit hohem Kuhkomfort und guten Lüftungsanlagen ist das möglich, da haben wir im Durchschnitt weniger als 5 % lahme Kühe im Jahr, also fünf Kühe bei 100 Kühen. Wenn Mortellaro im Spiel ist und man das nicht gut im Griff hat, ist das viel schwieriger, dann können mehr lahme Kühe vorkommen.
Inwieweit beeinflusst deiner Meinung nach die Fütterung die Klauengesundheit?
In der Fütterung haben wahrscheinlich die Spurenelemente den größten Einfluss auf die Klauen. Wir wissen zum Beispiel, dass Zink sehr wichtig für die Zellwand ist und Biotin für den Zellzusammenschluss. Vitamine und Spurenelemente müssen ausgeglichen sein. Auf der Seite der Ration gibt es weltweit keine guten Daten, die Fütterung mit Lahmheit in Verbindung bringen. Wir wissen aber, dass die Stehzeit einen großen Einfluss hat und gute Liegeboxen zum Abliegen wichtig sind. Sie frisst, legt sich ab, und käut wieder und steht wieder auf zum Fressen. Am wichtigsten ist dann, dass sie 24 Stunden am Tag dieselbe Ration auf dem Futtertisch vorfindet und zeitlich gefüttert wird.
Vielen Dank schon mal bis hierher an Karl Bürgi! Im zweiten Teil des Interviews wird es um passende Böden für Kühe im Stall gehen, um Gummibeläge und was erfolgreiche Betriebe anders machen!
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