Mein heutiger Interviewgast Jan Hendrik Puckhaber kommt aus der Nähe von Rostock und berät Betriebe, die mit Automatischen Melksystemen melken. Sein Schwerpunkt ist dabei die Optimierung des Managements und die Fütterung von bestehenden AMS-Betrieben und AMS-Betrieben in der Planung. Willkommen, Jan Hendrik Puckhaber!
In der letzten Folge ging es um die größten Unterschiede zum konventionellen Melken und was sich bei einer Umstellung auf Robotermelken im täglichen Arbeitsablauf ändert.
In dieser Folge gibt Jan Hendrik Empfehlungen zur technischen Ausstattung eines gut funktionierenden Melkroboters und gibt wertvolle Praxistipps für effiziente Arbeitstage im Roboterstall.
Wie viele Kühe kann ich pro Roboter melken, wenn Betriebssicherheit und Management passen sollen? Sind 50 Kühe oder 40 Liter sinnvoll für eine gute Auslastung?
Wieviel Kühe oder Milchmenge ich melken kann, hängt in erster Linie von der Melkgeschwindigkeit ab. Die Melkgeschwindigkeit und damit die Zeit pro Kuh im Roboter, die Boxzeit, ist ein ganz elementarer Faktor, wie viel Milch und wieviel Kühe eine Anlage schafft.
Dann ist ein wichtiger Faktor, wie viele Zwischenspülungen die Anlage machen muss. Wenn ich zum Beispiel alle separierten Milchkühe getrennt in einer Gruppe habe und diese alle hintereinander melken kann, macht der Roboter nur eine Reinigung zum Schluss. Im Vergleich zu Behandlungskühen, die in der Herde laufen, kann ich so viel Zeit sparen.
Wenn es gut läuft, bei Boxzeiten von sechseinhalb Minuten und wenig Spülungen, dann sind durchaus Leistungen von 2.300 bis 2.400 Liter machbar. Bei längeren Boxzeiten und mehr Holkühen geht das von dieser Gesamtleistung runter. Da kann ein langsam melkender Betrieb schon bei ungefähr 2.000 Liter an seiner Auslastungrenze angelangt sein. Die Gefahr ist, zu viele Kühe einzustallen als die Anlage schaffen kann. Dann kommt es zum Rückstau und einer Überlastung der Anlage. Die Kühe, die als erstes darunter leiden, sind Tiere in der ersten Laktation, da diese Kühe viel länger brauchen, um ihren Melkrhythmus zu finden.
Wenn z. B. jemand sagt, ich habe 70 Kühe im Roboter und melke vielleicht 35 Liter im Schnitt und sagt, er hat da irgendwie noch 10% freie Zeit. Wäre das für Dich viel zu wenig?
Wenn jemand 70 Kühe und eine entsprechende Leistung hat, würde ich folgendes fragen:
– Gibt es nebenbei noch einen Melkstand?
– Gibt es noch eine Gruppe mit behandelten Kühen oder langsame Melker?
Wenn er dann alle gesperrten, langsam Melkenden und Kühe mit wenig Milch im Melkstand melkt und nur die schnellen Hochleistungskühe im Roboter, dann ist das mit Sicherheit eine beeindruckende Leistung, aber nicht ganz ehrlich.
Auf das Thema freie Zeit habe ich früher sehr viel geachtet, gerade beim Lely-System. Je mehr man über die Berechnung dieses Parameters weiß, umso mehr muss man das hinterfragen. Denn es werden auch längere Reinigungszeiten, in denen der Roboter ausgeschaltet ist, als freie Zeit berechnet. Aber ganz grob 10% freie Zeit ist für eine Maschine schon die Unterkante einer guten Auslastung. Das sollte man für die Zeit von Abkalbewellen einplanen. Als Planungsgröße würde ich eher 15 % freie Zeit empfehlen.
Wenn man vor der Wahl steht, einen Roboter zu kaufen, muss man sich zuerst für den Hersteller entscheiden, die sich in ihrer Sensorik unterscheidet. Welche Sensorik empfiehlst du grundsätzlich und wo kann man Abstriche machen?
Zu einem Roboter gehört Sensorik, die mir tägliche Informationen zu einer einzelnen Kuh liefert, z. B. eine Zellzahlmessung. Mit diesen täglichen Informationen arbeite ich täglich, die sind sehr wertvoll.
Dann zu entscheiden, welche Zahlen ich überhaupt brauche, ist schon schwierig. Aber zunächst arbeitet die Software mit diesen Zahlen und diesen Rohdaten und bereitet diese Rohdaten zu entsprechenden Listen und Alarmlisten auf. Und je mehr Daten die Software zur Verfügung hat, umso genauer können letzten Endes die Empfehlungen der Software sein. Ich glaube, dass die Software sich in Zukunft weiterentwickeln wird und noch mehr Daten integrieren wird, z. B. mit Künstlicher Intelligenz. Dort unterscheiden sich die Hersteller größtenteils.
Gibt es neu entwickelte Dinge, die Du für einen Roboter empfehlen würdest? Sind zum Beispiel die BCS-Kamera oder die Tierwaage sinnvoll?
Das sind die zwei Bereiche, in denen die Daten noch nicht optimal genutzt werden. Es ist sicherlich spannend zu schauen, wie die BCS-Entwicklung einer einzelnen Kuh in den vergangenen Monaten war, es bringt mir aber nichts. Was bringt es mir, jetzt zu wissen, dass diese Kuh jetzt diese Körperkondition hat? Eine richtige Nutzung wäre, dass ein Programm sagt: „Dieses Tier wird wahrscheinlich in vier Monaten trockengestellt wird voraussichtlich eine zu hohe oder zu niedrige Körperkondition zum Trockenstellen haben“. Das wäre eine Idee, wie man so ein System tatsächlich nutzen könnte, um auch vorausschauend einen Sinn zu haben.
Was empfiehlst du an ergänzender Automatisierung? Machen Futterschieber oder Spaltenroboter in einem Roboterbetrieb Sinn?
Zu 100 Prozent empfehle ich einen Anschieberoboter. Wir brauchen immer ein System, das dafür sorgt, dass die Kuh zu jeder Minute Futter vorfindet. Denn eine große Motivation für die Kuh, zum Roboter zu gehen, ist, vorher aufzustehen, um zu fressen. Wenn sie aber weiß, dass morgens um vier Uhr kein Futter mehr erreichbar ist, dann sinkt ihre Motivation, morgens aufzustehen und melken zu gehen. Dann fehlen in diesen Zeiten die Melkungen, die Anlagenauslastung und am Ende die Milch, die ich verkaufen könnte. Wenn aber jederzeit schmackhaft ist, hygienisches frisches Futter vorliegt, dann ist die Kuh auch gewillt, nachts um 2 oder 03:00 Uhr aufzustehen, fressen zu gehen, melken zu gehen und legt sich dann wieder hin, hat man eine viel besser Auslastung.
Ein Spaltenschieber hat natürlich Vorteile im Bereich auf Prävention von Mortellaro. Damit werden die Spalten und die Liegeboxen sauber.
Roboter werden oft im Neubau, aber auch im Umbau neu in einen Kuhstall gebaut. Was ist bei der Platzierung vom Roboter besonders wichtig?
Die Kühe müssen vor dem Roboter immer die Möglichkeit haben, wegzukommen. Wenn ein rangniederes Tier vor dem Roboter wartet, z. B. eine Färse und dort rein möchte und ein ranghohes Tier kommt an und will auch rein, dann erwartet die Ranghöhere, dass die Färse Platz macht. Wenn die Färse dort aber nicht weg kann, dann bekommt sie von der anderen Kuh was ab. Dann lernt die Färse ganz schnell, dass der Roboterbereich unsicher ist und sie da nicht hindarf. Wir brauchen also unbedingt Freiräume um den Roboter, damit Kühe sich ausweichen können. Das ist absolut entscheidend, lieber ein bis zwei Meter mehr Platz und dafür zwei oder drei Liegeboxen weniger. Das tut dem freien Kuhverkehr gut, dann gehen sie gerne zum Roboter.
Wie sieht es mit einem Separationsbereich aus? Hast du selbst einen und empfiehlst du den auch in Planungsbetrieben?
Zunächst einmal müssen wir unterscheiden zwischen Separation und Selektion. In einer Separation halte ich Tiere mittelfristig separat von der Herde, das setzt Liege- und Fressplätze voraus. In die Selektion hingegen werden Tiere aus der Herde kurzfristig einsortiert, meist für planbare Arbeiten wie Klauenschneiden oder Trächtigkeitsuntersuchung. Eine Separation brauche ich immer. Ein Roboterbetrieb braucht immer einen Bereich, wo er Tiere rausnehmen kann, denen es mal einen Tag lang nicht gut geht. Dann hat man auch Tiere, die auffällig sind, direkt zentral an einem Ort. An diesem Ort gehört auch ein gut ausgeleuchteter Behandlungsstand oder ein Klauenstand, in den ich die Kuh alleine hinein bekomme.
Ob man eine Selektion benötigt, die Kühe aussortiert, kommt ganz auf den Betrieb an. In einem Betrieb mit beispielsweise 50 Kühen wird sie vielleicht wenig genutzt, weil so wenig Kühe für die planbaren Arbeiten wie Trockenstellen sortiert werden müssen. Da stellt sich die Frage, ob das den Aufwand mit dem voll ausgestatteten Einzelbereich mit frischem Tränken und Futter usw. lohnt. Idealerweise oder als Kompromiss lässt sich eben eine Selektion und Separation dann kombinieren, dass ich meine Selektionstiere in die Separation stelle. Aber grundsätzlich muss ich mir vorher die Frage stellen, wie ich überhaupt in diesem Stall arbeiten und welche Maßnahmen ich wie durchführen will.
Warum macht es Sinn, sich während der Planung schon Gedanken über die späteren Arbeitsabläufe zu machen?
Sich vorher schon Gedanken zu machen, wie später ungefähr die Arbeitsabläufe gehen sollen, ist immer ein guter Grundsatz. Oft kann man damit schon klären, wie groß und wie genau und was man im Stall machen möchte. Oft ändern sich dann noch Dinge im täglichen Management. Wie organisiere ich zum Beispiel die Klauenpflege sinnvoll, so dass ich gleichzeitig vielleicht den normalen Arbeitsablauf nicht zu sehr beeinträchtigte? Auffällige Tiere möchte ich sofort aus der Herde selektieren und behandeln. Deswegen gilt bei der Planung: Ich muss auf dem Stallplan genau den Weg sehen, wie ich eine Kuh aus der hintersten Ecke allein zum Behandlungsstand treiben kann. Man muss sich vor Augen halten: Die Kuh hat Schmerzen und kann schlecht laufen. Deswegen ist sie für jagende Tiere leichte Beute und sie wird alles tun, um zu fliehen. Dafür wird sie jede Abkürzung, jeden Übergang und jede Lücke nutzen. Deswegen ist es so wichtig, an den richtigen Stellen die richtigen Tore zu haben, was ich schon auf dem Stallplan sehen muss, da muss ich also schon einzeichnen können, die Kuh wird da lang laufen, ich gehe da lang, da ist das Tor, da ist das Tor und am Ende ist der Klauenstand und das muss eine Person alleine machen können. Nur dann wird es auch gemacht.
Wenn man an die Liegeboxenpflege denkt, dann ist ein Nachteil des Roboters eine nicht so leicht mechanisierbare Liegeboxenpflege, weil nie ein Stallbereich leer ist. Schließt sich für dich ein Roboterstall mit Tiefboxen aus?
Nein. Wenn man diesen Kuhkomfort der Tiefbox will, findet man einen Weg, diese zu bewirtschaften. Derzeit sind die technischen Möglichkeiten zur automatisierten Einstreu noch ziemlich begrenzt, das wird sich in den kommenden Jahren noch entwickeln. Bis dahin muss man im Stall mal eine Tiergruppe entsprechend wegsperren, um dort mechanisch einstreuen zu können. Die Einstreu reinzubringen, ist ein Nachteil. Aber was ich dort an Kuhkomfort gewinne, macht das wett. Auch bei Hochboxen gibt es nicht nur Vorteile. Es gibt bessere und schlechtere Hochboxen, aber auch schon eine mittelmäßige Tiefbox ist in der Regel doch deutlich besser als eine gute Hochbox.
Was und wie oft streut ihr in eurem Roboterstall ein?
Unser Stall wird zweimal die Woche eingestreut, jeweils eine Stallhälfte. Da werden dann die Tiere jeweils auf die Futtertisch- oder auf die Doppelliegeboxenreihe getrieben. Wenn wir das auf der Doppelliegeboxenreihe machen, hat das den Nachteil, dass wir in einer Stelle an den Robotern vorbei müssen, dann können die Roboter nicht melken. Wir aktivieren dann in dieser Zeit die Spülung, sodass wir keine Kapazität in dem Bereich verlieren. Dann wird die Gülle sehr frisch vom eigenen Separator mittels Hoflader und Einstreuschaufel in die Boxen rein befördert.
Zweimal täglich gehen wir mit einer normalen Harke durch die Liegeboxen. Beim Durchgehen werden die Boxen denn sauber geharkt, sollten sich Wulste ergeben, Unebenheiten ergeben, zieht man einmal mit der Harke drüber und alles was schmutzig ist, was feucht ist, was Kot ist, wird rausgezogen.
Hast du noch einen persönlichen Tipp, womit das Robotermelken noch viel besser funktioniert?
Mein Tipp, den ich jemanden geben würde, der sich mit dem Thema Roboter auseinandersetzt, egal ob Neubau oder Umbau: Fahrt zu vielen Betrieben und schaut euch an, was die gemacht haben. Schaut auch, wie sie täglich arbeiten und setzt euch an den Computer. Lasst euch die Software und die tägliche Arbeit mit dem Programm erklären. Die Unterschiede zwischen den Herstellern liegen in der Software, den Daten und wie ich mit diesen Daten letzten Endes arbeiten kann. Da sind riesige Unterschiede und die Software ist mindestens genauso wichtig wie der Melkroboter. Auch wenn man sich das als konventionell Melkende vielleicht ohne Milchmengenmessung alles kaum vorstellen kann, ist der Computer plötzlich Elementar für den erfolgreichen Betriebsablauf. Ihr müsst den Vertreter und den Verkäufer überzeugen, dass ihr drei Stunden an einem Programm sitzen könnt und der Hersteller euch erklärt, wie das alles funktioniert und welche Möglichkeiten es gibt. Wenn der euch erklären kann, wie das letzte kleine Ventil am Roboter funktioniert, aber nicht wie die Software funktioniert, dann sehe ich da ein Problem. Die Software ist so wichtig, weil sie die Grundlagen für Entscheidungen und Maßnahmen liefert.
Ein zweiter Tipp, gerade in Familienbetrieben: Sucht euch einen Partner, also jemanden in der Nähe mit dem gleichen Robotersystem, mit dem ihr euch sehr gut versteht. So kann man z.B. den Notdienst auch mal aufteilen. Wenn man z. B. auf einer Feier ist, dann kann man sich auch absprechen und den Notdienst mal auf den anderen übertragen. Sucht euch jemanden, mit dem man gut zusammenarbeiten kann und der auch Details kennt und z.B. mal einen Schlauch tauschen kann. Das bringt Ruhe, Gelassenheit und Freizeit.
Vielen Dank an dich für das sehr spannende Interview aus der Praxis für die Praxis!
Kontakt zu Jan-Hendrik Puckhaber:
E-Mail an: jhpuck@gmail.com
