Mein heutiger Interviewgast aus der Nähe von Rostock ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden und war nach dem Studium als Fütterungsberater tätig. Mit der Leidenschaft für die Kühe ergab sich eine Chance, zusammen mit seiner Frau einen alten Stall zu übernehmen. Durch den Umbau auf drei AMS und rund 165 melkende Kühe konnte er viel eigene Erfahrung mit der Planung und dem Roboter melken sammeln.
Nun gibt er sein AMS-Fachwissen weiter, Schwerpunkt ist dabei die Optimierung des Managements und der Fütterung von bestehenden AMS-Betrieben und AMS-Betrieben in der Planung. Willkommen, Jan Hendrik Puckhaber!
In dieser Folge geht es darum, worauf man sich einstellen muss, wenn man an eine Umstellung auf Melkroboter nachdenkt oder sich schon in der Planung befindet. Du erfährst, was die größten Unterschiede zum konventionellen Melken sind und was sich im täglichen Arbeitsablauf ändern wird.
Viele AMS-Umsteller kommen aus dem Melkstand oder der Anbindehaltung und haben noch nie mit einem Roboter gearbeitet. Auf was muss man sich einstellen, wenn man umstellt?
Es gilt der Grundsatz: Roboter ernten nur die Milch. Das Management macht die Milch, aber der Roboter selbst wird kein einziges deiner Managementprobleme lösen. Der Roboter wird nicht die Klauenprobleme, Eutergesundheitsprobleme oder Gesundheitsprobleme lösen. Im Gegenteil, viele Probleme sind dann plötzlich wie in einem Brennglas sehr deutlich sichtbar und werden im täglichen Ablauf zu Problemen führen.
Ist Robotermelken in dieser Hinsicht noch anspruchsvoller als der Melkstand?
Es wird anders als im Melkstand, weil wir beim Roboter auf die Mitarbeit der Kühe angewiesen sind. Ein Roboterstall funktioniert nur dann gut, wenn die Kühe freiwillig zum Roboter gehen. Im Roboter zu melken, macht keinen Spaß, wenn wir dort plötzlich bis zu 15 % der Kühe pro Schicht zum Roboter treiben müssen. Dafür sind Roboter nicht gemacht. Und weil wir eben auf die Zusammenarbeit mit den Kühen angewiesen sind, müssen diese Kühe auch jederzeit fit sein. Sie müssen motiviert sein, sie müssen laufwillig sein. Das sind Probleme, die dann deutlich sichtbar werden und die vielleicht in einem Melkstandbetrieb eher unter den Teppich gekehrt werden können. Die Probleme sind zwar da, die wirken sich aber nicht so dramatisch auf deine tägliche Arbeit aus, wie es im Roboterbetrieb sein wird.
Ein weiterer Effekt am Roboter sind die großen Mengen an Daten. Man bekommt viele Probleme plötzlich schwarz auf weiß oder bunt auf Bildschirm direkt angezeigt. Damit hat man einen messbaren Benchmark.
Braucht man für Roboter ein besonderes technisches Verständnis, sodass es nur für einen gewissen Schlag an Menschen gut passt? Hältst du das für einen Mythos oder kann jeder damit zurechtkommen?
Der Roboter ist nicht für jeden Menschen das passende System. Es gibt Menschen, zu deren Charakter und Denkweise dieses neue System nicht passt. Diese Menschen werden mit diesem System nicht glücklich. Aber warum, weil sie sich auf das neue Management nicht einlassen wollen? Die Arbeit am Computer und die Überwachung der Daten ist plötzlich eine tägliche Arbeit, die genauso wichtig ist wie jede Arbeit mit einer Gabel oder einer Schaufel. Die Arbeit am Computer ist genauso viel Wert wie körperliche Arbeit im Betrieb, das gehört definitiv dazu.
Ich persönlich bin ein großer Freund von Routinen, wenn man jeden Tag einen gewissen ähnlichen Ablauf hat. Vor allem mit dem Robotermelken verspricht man sich oft die Freiheit, dass nicht zu festen Melkzeiten im Stall sein muss. Hat man mit dem Roboter mehr Freiheit und arbeitet mehr willkürlich oder hat man trotzdem noch seine Routinen?
Beides. Also ich brauche zum einen meine täglichen Routinen. Ich habe meine normalen Routinearbeiten, die einfach ein oder zweimal am Tag die gleichen sind und auch immer gemacht werden müssen. Ein Beispiel ist die Reinigung der Scheiben für die Zitzenfindung, egal ob Laser oder Kamera. Da entwickelt man schnell eine Routine, dass man z. B. abends vor dem Feierabend noch einmal diese Scheiben sauber machen. Wenn man das nicht macht, kann schnell nachts der Anruf vom Roboter kommen, der sagt, ich kann hier nichts sehen, ich habe so viele Kühe, die ich nicht ansetzen konnte, komm doch mal bitte her und mach die Scheibe sauber. Dann lernt man schnell, dass das solche Routinen sind, die man besser machen sollte. Also haben wir tägliche Routinen, die zu gleichen Zeiten gleich ausgeführt werden müssen und ja, ich habe viel mehr Freiheit. Denn: Bei vielen Arbeiten, ist es nicht mehr entscheidend, wann ich sie ausführe. Für die Kuh ist es manchmal sogar besser, Routinen zu durchbrechen. Beim Roboter habe ich Freiheit, Arbeiten zu verschieben. Ich habe auch die Freiheit, wenn man samstags abends auf einer Feier war, sonntags ein, zwei Stunden später anzufangen. Diese Freiheiten habe ich.
Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Zu diesen Freiheiten gehört auch, dass es Notfälle geben kann, dass es technische Störungen geben kann, dass diese Anlage abends oder nachts anrufen kann, weil es dort eine technische Störung gibt, die ich dann beheben muss.
Welche neuen Routinearbeiten gibt es beim Roboter, die einfach im klassischen oder konventionellen Melksystem nicht vorhanden sind?
Ein neuer Bereich ist die Überwachung der Daten am Computer, das ist Teil der täglichen Kontrolle. Ich schaue mir nicht nur an, welche Kühe mit ihrer Melkzeit überfällig sind, sondern auch, welche Tiere mit gesundheitlichen Leistungsabweichungen mir angezeigt werden. Welche Tiere sind auf der Brunstliste, weil sie übermäßige oder zu wenig Aktivitäten zeigen? Gerade Gesundheitsdaten sind wahnsinnig spannend, weil durch die Vielzahl der Sensoren wir eine super Überwachung der einzelnen Tiere haben. Das ist eine sehr wichtige Routine. Man muss die Daten aus der Software, aus dem System nutzen. Viele andere Dinge wie Liegeboxen saubermachen, Tränken reinigen, Melkplatz reinigen, Kühe holen, das bleibt genauso wie im konventionellen Melkstand. Die Ausführung der Arbeit wird ein bisschen anders, die Arbeit generell ist aber sehr ähnlich.
Kann es passieren, dass die Gesundheitsdaten einer Kuh zu einem Krankheitsbild passen, die Kuh aber gut aussieht, also man falsche Tiere auf der Liste hat? Wenn man z.B. zehn Kühe auf der Liste hat, aber aus der Erfahrung nur eine oder zwei etwas haben, muss ich mir dann trotzdem alle zehn anschauen?
Durch die Weiterentwicklung im Bereich der Sensorik und Software ist die Qualität dieser Listen besser geworden. Seitens der Hersteller wird viel dran gearbeitet, um die Genauigkeit dieser Auswertung und Vorhersagen noch weiter zu verbessern, um weniger falsch positive Tiere auf dieser Liste zu haben.
Bei den meisten Systemen kann man die Sensibilität einstellen. Also kann ich über ein Parameter regeln, ob ich super genau sein und mehr falsch positiv auf der Liste akzeptieren möchte oder ich die Liste sehr kurz haben möchte und nur solche Tiere angezeigt bekomme, die auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein Problem haben oder entwickeln.
Zudem muss man lernen, seine eigene Erfahrung hinten anzustellen und die Sensordaten nach vorne zu bringen. Wir hatten schon sehr häufig, dass der Computer angezeigt hat, da ist was. Man guckt sich die Kuh an und von dem, was man als Mensch sagen würde („Hungergrube gefüllt, Ohren sind oben, Augen sind klar, alles wunderbar“), würde man an diesem Tier vorbeigehen. Mit den nächsten Sensorwerten, zum Beispiel mit einem Fieberthermometer standen da auch mal 41,6 Grad Körpertemperatur. Also man kann den Daten schon vertrauen und man muss auch immer berücksichtigen, dass ja nicht jede Kuh auch immer klinisch krank wird. Es gibt eine sehr große Selbstheilungsrate. Das sind Tiere, die wir im konventionellen Melkbereich oder wenn wir keine Sensorik haben, niemals sehen würden, sondern erst deutlich später, wenn sie akut krank sind.
Die Kraft der Datenauswertung liegt darin, viel früher bei bereits leichten Abweichungen zu kommen, um dann mit leichten Mitteln, sei es einem einfachen Fiebersenker und Schmerzmittel, sei es mit einer Nacht in der Strohbox, sei es mit Verdauungsförderern, die man eingibt. Viel früher zu kommen, mit sanften Mitteln die Tiere wieder auf Kurs zu bringen, sie am Fressen zu halten und ihr dabei zu helfen, die Selbstheilungskräfte zu stärken, damit sie gar nicht erst krank wird. Damit wir bei viel weniger Tieren Antibiotika einsetzen oder den Tierarzt rufen müssen. Das ist die Power des Systems. Dabei bleibt es jedem selbst überlassen, wie intensiv man das nutzt.
Wie nutzt ihr die Liste mit den auffälligen Kühen? Macht ihr einen Rundgang mit der entsprechenden Liste der werden diese Tiere direkt separiert und warten in einer eigenen kleinen Gruppe auf die Kontrolle?
Bei uns wird zuerst die Software gecheckt. Ich persönlich verbringe viel Zeit außerhalb des Betriebes. Trotzdem möchte ich wissen, was mit meinen Kühen los ist. Ich habe Listen im Programm, die ich von überall checken kann. Diese Listen sind so individuell, dass ich z. B. sehen kann, wie sich meine frischmelkenden Kühe entwickeln und welche Tiere auf den Krankheitslisten stehen usw. Wenn wir dort Auffälligkeiten haben, dann schaue wir uns die Tiere auch im Stall an.
Dadurch, dass man ja eh immer in der Herde ist, um die Kühe zum Roboter zu bringen und Liegeboxen sauber macht, bewegt man sich ohnehin immer permanent zwischen den Kühen. Dann kann man auffällige Tiere auch sofort separieren und entsprechend behandeln, z.B. lahme Kühe. Das kann zum Beispiel die Software noch nicht richtig, beim Erkennen von lahmen Kühen per Sensorik haben die Hersteller noch Aufholbedarf. Das funktioniert bislang eher schlecht. Wir haben dort eine sehr niedrige Hemmschwelle. Sobald eine Kuh nicht optimal läuft, kommt sie in den Klauenstand. Es geht nicht nur das eine oder nur das andere, man muss beides kombinieren
Wie stellt ihr die Betriebssicherheit sicher? Tauscht ihr Ersatzteile nach festen Intervallen oder eher mehr? Macht ihr das selbst oder kommt dafür der Servicetechniker?
Die Maschine muss sicher laufen, ich möchte nichts nachts um drei Uhr etwas reparieren müssen. Deswegen haben wir einen Servicevertrag mit regelmäßigen Besuchen des Servicetechnikers, die das Einzelteil austauschen. Die Hersteller kennen die Lebensdauer ihrer einzelnen Komponenten selbst am besten und wollen ja, dass die Anlage sicher läuft. Zudem haben wir selbst einen Teil der relevanten Ersatzteile im Lager liegen, z. B. bestimmte Steuerventile. Wartung und Service müssen gemacht werden, dort kann man nicht sparen! Man kann zwar schon Vieles selber machen, es hat aber Vorteile, wenn der Servicetechniker dreimal im Jahr über die Anlage schaut und noch mal andere Sachen sieht.
In der nächsten Folge gibt Jan Hendrik Empfehlungen zur technischen Ausstattung eines gut funktionierenden Melkroboters und gibt wertvolle Praxistipps für gute Arbeitsabläufe im Roboterstall.
Kontakt zu Jan-Hendrik Puckhaber:
E-Mail an: jhpuck@gmail.com
