KSB 063 Wie kann ich Milch CO2-neutral herstellen?

Heute geht es um den CO2-neutralen Milchviehbetrieb. Du erfährst, welche Faktoren in der Fütterung wichtige Hebel für möglichst geringe CO2 Emissionen sind.

Mein heutiger Gast ist Professor für Tierernährung an der Hochschule in Nürtingen-Geislingen und war vorher am Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. 

Dort war er fest bei der Umsetzung der Düngegesetzgebung, also 170 kg Regel, Stoff-Strombilanz und Düngebedarfsermittlung dabei. Aus diesem Bereich entwickelte er sich zunehmend in das Thema des Einflusses der Fütterung zu Emissionen. Mit seinem Wissen kann er Landwirte bei der Umsetzung dieser Herausforderungen unterstützen.

Ich freue mich sehr, dass Er hier ist, Willkommen Herr Professor Doktor Stephan Schneider!

    Stallbaupost

    Gibt es schon einen Klimaneutraler Zukunftsbetrieb und was zeichnet ihn aus?

    Es muss deutlich abgegrenzt werden, z.B. CO2-neutrale Milchproduktion ohne Fleisch oder mit Fleisch? Zählt der Ackerbau dazu? Bisher läuft ein Projekt mit der Molkerei Hochwald. Es gibt bisher keinen CO2-neutralen Milchviehbetrieb. Wir sind gerade beim Umstellen eines Betriebes dorthin. Wichtige Eckpfeiler sind: Methanproduktion der Kuh, Bestandsergänzung ist ein großes Thema und der Futterbau und Fütterung.

    Wie groß ist die Rolle vom Strom- und Dieseldieselverbrauch im Betrieb?

    Es spielt im Verhältnis eine eher untergeordnete Rolle.

    Inwieweit zählt beispielsweise der Beton für Ställe und Fahrsilos eine Rolle?

    Hier muss man überlegen, wo man die Systemgrenze zieht. Die Grenze wird in der Bewertung so gesetzt, als wären diese Voraussetzungen alle geschaffen und auch das Eisen für Maschinen schon da.

    Methan spielt eine große Rolle, wird aber nach 10 – 12 Jahren zu CO2 abgebaut, welches von den Pflanzen wieder aufgebaut wird. Bleibt also der Tierbestand ungefähr gleich, befinden wir uns immer im Kreislauf. Warum müssen wir dann großartig einsparen?

    Der biogene Kohlenstoffkreislauf kann etwas abgetrennt betrachtet werden. Allerdings kann man der Pflanze nicht sagen, dass sie genau dieses CO2 aufnimmt. Pflanzen bedienen sich aus dem CO2 Pool der Atmosphäre. Grob gesagt ist es so, dass an sich der Kreislauf geschlossen ist. Allerdings geht man davon aus, dass die nächsten 20 – 30 Jahre für das Klima sehr entscheidend sein werden. Tatsache ist, dass Methan eine starke Klimawirkung hat. Würde man die Kuhzahl um die Hälfte reduzieren, könnte man die Erdatmosphäre um 0,3 °C absenken. Allerdings ist dieser Effekt nur einmal möglich und man muss beachten, dass Kühe aus nicht essbarem Gras hochwertige Nahrungsmittel machen.

    Was braucht eine Kuh, um eine Kuh möglichst Klimafreundlich zu machen?

    Es braucht direkt am Anfang eine intensive Kälberaufzucht. Durch eine intensive Versorgung vor allem in den ersten Lebenswochen wird der Metabolismus auf Effizienz „programmiert“. Man kann nachweisen, dass Erstkalbskühe 500 – 1.500 kg mehr Milch geben, obwohl sie dasselbe fressen. Danach ziehen wir die Tiere intensiv bis 12 Monate auf, besamen das erste Mal beim passenden Gewicht und habe damit schon weniger CO2-Last bei dem Nachzuchttier. Hohe Leistungen sind Effizient. Mit das Wichtigste für die Kuh ist dann ein sehr hochwertiges Grundfutter. Hier kann man ausholen bis zum Futterbau mit Düngung und Pflege.

    Wird das Kraftfutter in der Bilanz berücksichtigt?

    Transport von Kraftfutter wird geschätzt. Der Transport auf dem Schiff spielt beim CO2 kaum eine Rolle. Die Frage ist, wie es zum Hafen und wieder vom Hafen weg kommt. Für die CO2-Bilanz spielt allgemein gesagt der Transport auf dem Schiff fast keine Rolle, auf dem LKW eine große Rolle. Das größte Problem ist die Regenwaldabholzung.

    In Paris wurden Klimaziele festgelegt, wo auch die Landwirtschaft betroffen ist. Was ändert sich dabei in der Fütterung?

    • Wir müssen uns über N- und P-reduzierte Fütterung Gedanken machen. Dabei spielt Messen und Wiegen eine große Rolle. Wenn ich nicht weiß, was in den Stall rein und wieder raus geht, kann ich auch nicht exakt füttern. Gerade der Bereich Grobfutter ist noch sehr ungenau. Was vorne nicht rein kommt, kann auch hinten nicht rauskommen und damit nicht emittieren.

    Bei der 170 kg-Regel wird die Ausscheidung aus der Fütterung aktuell nicht berücksichtigt. Ist hier eine Anpassung je nach Harnstoffgehalt in der Milch zu erwarten?

    • Dieser Ansatz ist in den Niederlanden bereits umgesetzt. In beispielsweise Bayern ist es noch nicht möglich. Wir bekommen eine Stoff-Strom-Bilanz. Dabei ist eine Stallbilanz. Was rein gefüttert wird und nicht über die Milch weg geht, bleibt in der Gülle. Bei N gibt´s Verluste, bei P ist es 1:1. Hier hilft dann messen und wiegen, um Fakten zu haben. Dies kann nur für Betriebe kommen, die genau Wissen was rein und raus geht.

    Wie kann das Messen und Wiegen in der Praxis aussehen?

    • Es kann über einen Häcksler mit Ertragserfahrung oder einer Achswaage umgesetzt werden. Oft ist es aber eine 60 t Brückenwaage, die notwendig wird. In die Genauigkeit wird allgemein zu wenig investiert.

    Könnten die Futtermengen auch über einen Futtermischwagen dokumentiert werden?

    • Das ist grundsätzlich möglich. Man muss aber Verluste von 20 – 40 % bedenken. Deshalb ist es eher eingeschränkt sinnvoll.

    Was ist beim Grundfutter wichtig?

    • Zuerst geht´s um Verdaulichkeiten von Futtermitteln. Je besser, desto besser. Auch ein optimierter Siliermitteleinsatz ist sinnvoll um Verluste möglichst zu reduzieren. Zu große Fahrsilos mit wenig Vorschub sind ein großes Problem.

    Passt für das Klima eine Voll- oder Teil-TMR besser?

    • Es gibt ein sehr praxisnahes Handbuch, das steht drin, dass eine Voll-TMR nicht dem Anspruch der Einzelkuh entspricht. Bei kleineren Betrieben fällt Gruppenbildung schwer, hier muss man sich ein System zurecht legen. Aber eine Voll-TMR ist kein Fütterungskonzept der Zukunft.

    Es gibt ein Futtermittel, mit dem man weniger Methanausstoß herbeiführen kann. Um was geht´s und wie sieht der Prozess im Pansen aus?

    • Je höher der Kraftfutteranteil in der Ration ist, desto weniger Methan wird produziert. Faser ist für die Methanproduktion zuständig. Ohne Faser kann man aber keine Kuh ernähren. Man könnte über die Zufütterung von Hornklee, Esparsette oder Haselnussblätter die Methan (CH4)-Produktion senken. Mittlerweile ist ein chemisches Produkt in der Zulassung. Dadurch wird in einen Schritt der Verdauung im Pansen eingeschritten. Normalerweise entsteht CO2 und freier Wasserstoff im Pansen. Die Kuh macht normalerweise daraus CH4 und kann es rausrülpsen. Durch das Produkt entsteht im Bereich der Rindermast 80 – 90 % und bei Milchvieh 30 – 35 % weniger Methan-Emission. Was noch fehlt sind langzeitversuche über Jahre.  Bereits nach 20 Minuten kann man weniger Methanausstoß messen, sobald man aufhört ist der Effekt wieder weg. Man muss es also jeden Tag füttern. Fraglich ist noch, ob der Prozess über lange Zeit so funktioniert.

    Ist daraus ein nachteiliger Effekt für die Kuh zu erwarten?

    • Über kurze Zeit nicht, über lange Zeit muss es sich noch zeigen.

    Was habe ich als Landwirt von den Maßnahmen was?

    • Durch den Verlust von Methan verliere ich Energie für die Kuh. Es kann sein, dass die Energie der Kuh bleibt. Der Druck vom LEH wird steigen. Beispielsweise Nestle möchte bis 2050 komplett klimaneutral werden, inklusive der Lieferkette.

    Bringen EM´s Vorteile bei Emissionen?

    • Effektive Mikroorgansimen haben einen hohen Anteil an Milchsäurebakterien. Dadurch findet eine Ansäuerung statt und dies könnte Emissionen senken. Leider gibt es kaum wissenschaftliche Versuche.

    Wie sehen sie die Synergie zwischen Milchviehhaltung und Biogasanlage?

    • Die Vergärung von Futterresten und Ausscheidungen sind eine sehr gute Kombi. Allerdings sind Genehmigungsprozesse sehr aufwendig und enorme Auflagen verhindern Umsetzungen.

    Welche Kriterien unterschieden durchschnittliche von CO2-sparenden Betrieben?

    • Im Stall wurde beispielsweise der Futtertisch saniert, ein automatischer Futteranschieber wurde eingebaut, ein Güllesaugroboter angeschafft, ein erhöhter Fressstand eingebaut, eine Brückenwaage und eine Biogasanlage wird gebaut. Allgemein sind offene Güllebehälter eine Katastrophe. Hier geht Stickstoff verloren, die man gar nicht sieht.

    Was möchten Sie Landwirten zum Abschluss mitgeben?

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