Mein heutiger Interviewgast aus dem Allgäu ist Landwirt und Bauunternehmer. Er hält 170 Kühe nach Bioland-Richtlinien und hat 2012 einen neuen Kuhstall auf die grüne Wiese gebaut und diesen 2020 erweitert.
Der ursprüngliche Stall war als Zweireiher mit seitlichem Melkhaus ausgeführt, seit 2020 wird die andere Seite als Futtertisch genutzt. Die Besonderheit am Stall ist das Gründach. Herzlich willkommen, Jürgen Königl!
Warum hast du dich damals für ein Gründach entschieden?
Der Hauptgrund war ein Entscheidungsmerkmal, dass wir durch diese flache Dachneigung, die nur beim Gründach möglich ist, den Stall problemlos verbreitern und erweitern können, ohne auf Allgäuer Schneeprobleme zu stoßen, z. B. Kehlen Gegengiebel usw. und in kalten Wintern, wenn die Curtains zu sind, keine Luftströme durch höhenversetzte Pultdächer zu haben. Der zweite Grund war, dass wir als damaliger Pilotbetrieb der LfL einen Stall mit einem sehr guten Innenklima im Sommer mit Erweiterungsmöglichkeiten bauen wollten.
Welche klimatischen Vorteile siehst du jetzt tatsächlich mit dem Gründach bei euch?
Wind von der Seite wird bei uns im Stall durch die lange schmale Bauweise ohne steiles Dach gleichmäßig im Stall verteilt. Das Gründach hat den Vorteil, dass es im Sommer unterm Dach im Stall definitiv kühler ist als bei anderen Dachaufbauten. Auf dem Dach haben wir eine Schicht aus Schalholz, dann eine Abdichtung mit dünner Isolierung und dann Vlies, Rollkies, Humus und Gras. Diese 12 bis 13 cm haben eine isolierende Wirkung. Das ist bei uns nicht rechnerisch nachgewiesen, aber gefühlt so. Das Gras hält die Feuchtigkeit ein paar Tage, wenn es heiß wird, dauert es also, bis der Humus trocken wird. Dadurch wird die Oberfläche nie so heiß wie Asphalt oder Ziegel. Die niedrigere Oberflächentemperatur wird langsam nach unten abgegeben. Im Vergleich zu unserer Maschinenhalle am selben Standort fühlt es sich im Stall viel kühler an, obwohl die Kühe dort stehen.
Kann dann auf eine mechanische Lüftung durch z.B. Ventilatoren verzichtet werden?
Wir haben keine Ventilatoren im Stall. Trotz des guten Stallklimas sammeln sich die Kühe an heißen Tagen in einer Ecke im Stall, in der die Luft besser ist. An den anderen Seiten bremsen der Anbau, die nahe gelegene Heuhalle und ein Fahrsilo die Querlüftung. Deswegen werden wir im nächsten Jahr im Stall noch zusätzliche Ventilatoren einbauen, damit sich die Kühe auch im Sommer gleichmäßig im Stall verteilen.
Denkst du, die Kuh merkt mit dem Gründach einen Unterschied im Vergleich zu einer isolierten Dachoberfläche?
Ich stell jetzt mal die These auf, dass es in unserem Stall ein Grad kälter ist als in der Maschinenhalle. Also haben unsere Kühe dadurch einen Vorteil. Wir haben leider keinen Vergleich eines ähnlichen Stalls am gleichen Standort mit ähnlicher Fütterung. Andere Vorteile, die uns damals vor dem Bau überzeugt haben, waren, dass wir den Stall später problemlos um 100 GVE erweitern konnten und 59 Liegeboxen zweireihig plus Strohbereich an der anderen Seite angebaut haben. Das hat auf das Stallklima keinen Unterschied gemacht, weder bei den Sommertemperaturen noch beim Lichteinfall oder Schneeverwehungen. Die Vorteile des Gründachs messen wir für uns vor allem an der Erweiterbarkeit des Stalls.
Hat die flache Dachneigung im Zuge der Auflagen für die Ausgleichsfläche erfüllt?
Das ist ein wichtiger Punkt. Einen Großteil der Ausgleichsfläche haben wir über die Gründächer erledigt. Wir mussten lediglich ein paar Bäume an den Fahrwegen pflanzen. Mit den Gründächern hat man dann nicht die Möglichkeit, noch Photovoltaikanlagen zu installieren, das ist ja häufig bei Stallneubauten. Die Anlagen haben sicherlich auch einen kühlenden Effekt auf den Stall darunter.
Wie sahen die Baukosten aus? Musstest du aufgrund des Mehrgewichts des Dachs anders bauen als bei einer klassischen Stallbauweise?
Die Baukosten waren bei uns damals um ungefähr 50.000€ pro 100 Kühe teurer als ohne Gründach. Die LfL hat unsere Stallbaukosten 2012 ausgewertet. Wir haben mit der Dachkonstruktion und den Liegeboxen damals rund 6.000€ pro Kuhplatz bezahlt und waren durch die Einheitsstatik damit günstiger als vergleichbare Ställe.
Wie langlebig ist die Abdichtung von dem Dach in deiner Erfahrung nach zehn Jahren?
Wir haben eine Folie gebaut, also eine verschweißte Folie wie eine Teichfolie. Die sollen ca. 40 Jahre dicht sein. Ein Betrieb in der Nähe hat 15 Jahre vor uns ein Gründach gebaut und das ist bis heute dicht. Wenn irgendwo ein Loch auftaucht, würde ich es ausbessern, wenn es hingegen an verschiedenen Stellen Feuchtigkeit zeigt, wahrscheinlich einmal komplett sanieren. Bei den Gründächern könnten wir Kies und Humus runter schaufeln, die Folie abziehen und einzeln entsorgen. Bei Verbund-Sandwichplatten hingegen wissen wir noch nicht, wie wir sie in 20 Jahren entsorgen können, ebenso PV-Anlagen.
Gab es noch weitere Gründe, warum du dich für ein Gründach entschieden hast?
Mir haben diese großen Festzelt-Ställe auch optisch nicht gefallen, daher wollten wir landschaftsgebunden bauen. Wir haben einen Stall für 200 Großvieheinheiten nach Biorichtlinien gebaut, 90 x 30 Meter und fünf Meter hoch. Wenn du über den Hügel in unsere Gegend fährst, siehst du aber keinen Kuhstall für 200 Kühe, sondern ein schönes Gebäude mit Holzfassade und einem Gründach. Auch nach der Verdopplung sah er immer noch so aus. Das war für mich ein wichtiger Punkt.
Gibt es Nachteile vom System oder überwiegen für dich nach 10 Jahren immer noch die Vorteile?
Wir hatten damals die Theorie, dass durch die Ausrichtung des Futtertischs nach Nord-Süd der Wind ganzjährig von Westen durch den Stall bläst und gute Luft verteilt. Wir haben jedoch festgestellt, dass durch die 4 Meter hohe Öffnung an der Westseite die Nachmittagssonne an den heißen Tagen in die Liegeboxen scheint und die Kühe dann zwischen 14 und 17 Uhr nicht in den außenliegenden Liegeboxen liegen. Bei Christian Manser habe ich gelernt, dass man einen Stall besser von West nach Ost ausgerichtet, damit die Westseite bei Unwetter oder Nachmittagshitze geschlossen werden kann. Wäre unser Stall um 90 Grad gedreht, wäre er perfekt.
Wie ist das Dach genau von unten nach oben aufgebaut?
Von unten haben wir eine klassische Schalung, also eine Holzschalung, die Seitenware vom Bauholz, also von den Koppelpfetten, von den Bindern, von den Stützen. Das Seitenmaterial hat man gesägt, auf die Koppelfetten-Latten genagelt. Dort drauf kommt eine Trennlage mit dem Abdichtungssystem, also im Prinzip ein Vlies, das verhindert, dass Nägel die Abdichtung gehen. Dann die Teichfolie und eine zusätzliche Isolierung mit Perimeterdämmung. Darauf haben wir ein Geotextil verlegt, dann fünf Zentimeter Rieselkies, ein dünnes Geotextil und darauf eine 5 cm dicke Humusschicht. Wir haben auf ein teures Substrat extra für Flachdächer verzichtet. Wir haben dann zum Start mit einer Hafermischung angesät. Später kommt Anflug. Das wird grün, wenn es regnet und gelb, wenn es lange trocken bleibt.
Wie lange hält der Humus? Muss man den irgendwann austauschen?
Wir sehen je nach Jahreszeit unterschiedliche Pflanzen, die sich selbst angesiedelt haben. Ich denke, dass da oben auch ohne Düngung ein intaktes Bodenleben stattfindet. Der zuerst angesäte Hafer ist wohl vertrocknet, seine Wurzeln haben aber den Humus zusammengehalten und dann hat sich die Natur eingestellt. Wir beobachten das.
Habt ihr da ein normales Dachrinnensystem? Wie sieht es bei Starkregen aus?
Am Rand ist so eine Kiesfangleiste wie beim klassischen Balkon oder Flachdach. Es gibt ja trotz des Flachdachs eine Trauf- und eine Firstseite. Da ist eine Attika befestigt, genau wie bei einem klassischen Flachdach.
Wie sieht es mit der Pflege und Wartung aus?
Wir laufen das Dach einmal im Jahr ab und ziehen kleine Bäume raus. Die meisten Flachdächer gehen kaputt, weil Wurzeln in die Nähte wachsen. Wir mähen und bewässern das Dach nicht.
Mit wem habt ihr den Stall geplant?
Den Bauantrag hat die LfL gemacht, die haben die Kosten ausgewertet. Die Werkplanung und Statik haben wir in unserer Firma mit Partnerfirmen gemacht.
Würdest du heute noch einmal genauso bauen?
Das Gründach würde ich sofort wieder so bauen. Damals haben wir auf das Melkhaus Faserzementplatten gelegt und das innen mit einer abgehängten Decke gedämmt. Das würde ich heute nicht mehr machen, dort würde ich das gleiche Gründach wie auf den Stall bauen. Das geht trotzdem zu beheizen und macht keinen großen finanziellen Unterschied.
Auch den Grundaufbau des Stalls würde ich wieder so machen: Seitliches Melkhaus, Vorwartebereich seitlich vor dem Melkhaus, Zweireiher und Abkalbebereich hinter den Liegeboxen. Die einzigen Dinge sind die Nord-Süd-Ausrichtung, die eine Sonneneinstrahlung begünstigt und die Lage des Stalls. Der liegt zwischen dem Haupthof und den Hauptwiesen, der Weidegang ist über etwa 100 Meter Straße möglich. Für einen einfacheren Weidegang würde ich den Stall heute in unsere größte Fläche bauen.
Jürgen, vielen Dank für den tollen Überblick zu dem Thema!
Wenn jemand deinen Betrieb anschauen möchte und sich auch mit dir intensiver auseinandersetzen möchte, dann können wir die Kuhverstandtage im November 2025 sehr empfehlen, die am ersten Tag bei dir stattfinden. Dort können wir uns zu verschiedenen Themen von Stallbau über Fütterung zu Kälberhaltung austauschen. Wenn du jetzt neugierig geworden bist, hole dir dein Ticket für die Kuhverstandtage. Der Frühbucherpreis ist nur noch bis zum 3. Oktober buchbar.
Jetzt die letzte Frage an Jürgen: Was möchtest du künftigen Kuhstallbauern mit auf den Weg geben?
Viele Ställe, die sehr einfach gebaut sind, funktionieren am besten. Gerade in der Schweiz sieht man häufig viele gute und einfache Lösungen. Manchmal ist einfacher mehr!
Herzlichen Dank für das Interview!
