In diesem zweiten Teil vom Interview schauen wir uns an was ich mache, wenn der Stall brennt.
Es geht dabei um Fluchtwege, Reaktionen der Tiere und wie ich mich für den Brandfall vorbereite.
Dieses Interview ist zweigeteilt. Im ersten Teil ging es um die häufigsten Brandursachen von Stallgebäuden, die Häufigkeit von Bränden und der Wahrnehmung, um die Geschwindigkeit der Brandausbreitung und der Feuerwehrzufahrt. Hier geht´s zur Folge.
Im zweiten Teil schauen wir auf Fluchtwege für Kühe und Hindernisse, was man im Ernstfall mit nicht weidegewohnten Tieren macht und wie ich mich für den Brandfall vorbereite mit ganz praktischen und umsetzbaren Tipps.
Auf was achtet man bei Fluchtwegen für Kühe?
Bei Milchvieh haben wir recht gute Voraussetzungen zur Rettung. Die Kühe sind wenig unterteilt, eine vergleichsweise geringe Belegdichte und die Kühe sind gewöhnt an das Treiben und dem Umgang mit dem Menschen. In der Regel hat man schon recht gute Rettungsöffnungen für Kühe.
Das Ende vom Laufgang mit Öffnungen für das Entfernen der Gülle bei planbefestigten Stallungen eignet sich gut für einen Fluchtweg. Diese Möglichkeit haben wir bei vielen Betrieben, es hat sehr gute Eigenschaften für die Tiere. Der Ausgang ist groß genug und er ist in direkter Verlängerung zum Laufgang. In dem man die Querverbindungen verschließt kann man Sackgassen für die Tiere bilden. Man muss von innen mit nur wenigen Personen treiben und am Ende können die Tiere nur noch nach draußen.
Nachteilig ist hier nur der Gülleabwurf. Das führt dazu, dass der eigentlich gute Ausgang plötzlich sehr ungeeignet ist. Da wollen die Kühe nicht drüber steigen. Es könnte auch leicht das Bein von der Kuh reinfallen. Hier muss man sich im Vorfeld Gedanken machen und Vorbereitungen treffen.
Wir haben im Rahmen von unserem wissenschaftlichen Projekt auch einen Austreibeversuch nachts zusammen mit der Feuerwehr unternommen. Im Vorfeld haben wir eine Abdeckung über den Abwurf gebaut. Die Unterkonstruktion ist aus Holz und darüber ist eine Gummimatte genagelt. Hölzerne Streben an der Unterseite greifen passgenau in die Spalten des Abwurfs. Die Platten können das ganze Jahr an der Wand hängen und bei Bedarf genutzt werden.
Die Feuerwehr war mit Blaulicht und Sirene da. Eine der Versuchsgruppen mit 23 Rindern war komplett ungewohnt an den Austrieb und wurde ganzjährig im Stall gehalten. Durch die Anpassung an die Öffnung konnten wir sie dennoch schnell raus treiben. Mit höchstens einem halben Tag Arbeit kann man sich darauf vorbereiten.
Genug Fluchtwege für den Brandfall
Man sollte auch darauf achten, dass die Tore gut zu öffnen sind und nach außen auf gehen. Öffnungen an beiden Giebelseiten vom Stall sind wichtig.
Wir hatten auch schonmal das Beispiel, dass wir einen idealen und für die Kühe bekannten Ausgang hatten. Nur genau von der Seite aus hat es gebrannt. Die Tiere haben sich dann zurückgezogen in den Stall, wo sie sich sicher fühlen. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken: „Selbstrettung nach draußen“. Für uns ist es klar, dass wir nach draußen flüchten würden. Das funktioniert bei den Tieren nicht, da ist es genau anders rum. Sie ziehen sich zurück in die Bucht.
Es kann sein, dass man die Tore geöffnet hat und die Tiere stehen rum und schauen nur blöd. Oder sie drehen dann wieder um. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht wird der Ausgang angenommen. Ein Verhalten, was sich noch deutlich verschärft, wenn draußen fremde Personen wild umherlaufen.
Hier sind wir auch wieder in der Vorbereitung. Der Kommandant sollte wissen: Das ist die Hauptaustriebsrichtung. Die muss freigehalten werden, dass hier keine Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr stehen.
Regelmäßige Übungen mit der Feuerwehr am landwirtschaftlichen Betrieb
Wir machen viele Fortbildungsveranstaltungen zu dem Thema. Dort sind auch immer viele Feuerwehren dabei. Die Sorge von einem Brand im Kuhstall ist da. Die Schnittmenge zwischen Feuerwehren und der Landwirtschaft ist groß. Mit zunehmendem Strukturwandel nimmt der Anteil aber ab. Es gibt Feuerwehren, da ist niemand mehr mit Bezug zu Rindern da. Da sind Feuerwehrübungen an landwirtschaftlichen Betrieben sehr sinnvoll. Für die Lagekenntnis ist es im Rahmen der Einsatzvorbereitung hilfreich, wenn Begehungen gemacht werden. Hier sollten Feuerwehren und Landwirte eng zusammenarbeiten.
Was macht man im Ernstfall bei nicht weidegewohnten Tieren?
Hier ist ganz wichtig das Thema der Sinnesphysiologie. Also was nehmen die Tiere wahr? Sie nehmen ihre Umwelt anders wahr als wir. Ganz wichtig dabei ist die schlechtere Hell-Dunkel-Adaption. Sie können sich sehr viel schlechter an wechselnde Lichtverhältnisse anpassen als wir. Ganz eindrücklich habe ich es an einem Betrieb erlebt, bei dem der Betriebsleiter die Kühe schlecht in den Klauenstand bekommen hat. Der Stand war in einem Raum direkt am Stall. Als Mensch merkt man erstmal nichts, der Raum war gut beleuchtet, nur ohne Tageslicht.
Es gibt eine VR-Kuhbrille, mit der man die Umgebung aus Sicht der Kuh wahrnehmen kann. Mit der aufgesetzt war der Unterschied in der Beleuchtung plötzlich wahnsinnig eindrücklich. Aus Sicht der Kuh war der Raum komplett dunkel, weil die Lichtqualität eine andere war. Eine Kuh wird nicht selbstständig ins Schwarze reinlaufen. Baut man dann von hinten Druck auf wird das Gegenteil erzeugt, sie wird Stress und Panik bekommen und eher wieder umdrehen. Was wir hier gemacht haben war eine Tür zum Klauenpflegeraum zu öffnen, dass mehr Tageslicht in den Raum kommt und danach sind die Kühe viel besser reingelaufen.
Das gleiche merken wir dann im Brandfall. Die meisten schlimmen Brände sind nachts, weil das Feuer später entdeckt wird. Das Erste was die Feuerwehr macht ist das Brandobjekt auszuleuchten. Aber wenn die Kühe dadurch geblendet werden, dann sieht die Kuh erstmal gar nichts. Wenn es gleichzeitig ein Auslauf ist, den sie noch nicht verwendet hat wird sie da nicht rauslaufen. Am besten sind möglichst gleichbleibende Lichtverhältnisse.
Für die Einsatztaktik sollte das Gebäude so ausgeleuchtet werden, dass die Kühe nicht direkt angestrahlt und geblendet werden. Zudem ist es wichtig, dass auch die Auslauffläche mit ausgeleuchtet wird. Am besten seitlich oder in Blickrichtung der Kuh. Bei unserem Austriebversuch mit der Feuerwehr hatten wir eine breite freie Fläche und die Tiere sind überwiegend in dem Bereich der ausgeleuchteten Fläche geblieben. Das hilft auch dabei, dass die Tiere dort bleiben. In unserem Versuch hatten wir 38 Sekunden von der ersten bis zur letzten, 23. Kuh in der nicht gewohnten Gruppe, bis alle den Stall verlassen haben.
Wie bin ich für den Brandfall gut vorbereitet?
Neben dem bereits angesprochenen Thema zur Tierrettung sollte ich mir auch überlegen, wen ich in einem solchen Moment anrufe und zur Hilfe hole. Auf die Feuerwehr muss man sich nicht zwingend verlassen, wenn es um die Tierrettung geht. Die haben genug mit Brandbekämpfung zu tun und haben teilweise nicht das Wissen mit dem Umgang mit Tieren. Hier ist es gut, wenn ich andere Landwirte dazu holen kann, die mich bei der Rettung unterstützen.
Man kann auch die Ausgänge vorbereiten, sodass im Brandfall auch wirklich mögliche Ausgänge da sind. Habe ich an alle Teilgruppen gedacht? Auch alle Trockenstehenden, das JV und die Kälber. Wenn wir über Jungvieh oder Mast sprechen ist es schon wieder eine ganz andere Situation. Wir haben hier viele Teilgruppen mit wenig Gewöhnung an den Menschen und das Treiben. Die Tierrettung dauert da deutlich länger.
Das Durchdenken vom Brandfall hilft auf jeden Fall, dass man zumindest ein bisschen vorbereitet ist.
Vielen Dank für das interessante Interview!
Leitfäden zur Bewertung der betrieblichen Situation in Bezug auf Rettungsöffnungen für Rinder
Veröffentlichung der deutschen Versicherer, Leitlinien vds – https://shop.vds.de/download/vds-3453
