In dieser Folge geht es um die zukunftsorientierte Milchviehhaltung. Du erfährst, von welchen Faktoren der Stallbau in Zukunft besonders beeinflusst werden könnte.
In diesem Interview lernst du Stallmodelle mit unterschiedlichem Fokus kennen. Es geht um Herausforderungen, die wir in Zukunft beim Stallbau noch stärker haben werden und um die Nutzung von Altgebäuden.
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Mein heutiger Interviewgast ist Leiter vom Versuchs- und Bildungszentrum Haus Düsse. Dort ist er seit 1990 auch für den Milchviehbereich zuständig. Er berät Milchviehhalter, arbeitet in Projekten und wissenschaftlichen Arbeiten der Milchviehhaltung mit und ist gut vernetztes Mitglied in verschiedenen Gremien und Fachausschüssen wie beispielsweise der DLG und der KTBL. Auch im Ausland konnte er wichtige Eindrücke für die Arbeit in Deutschland sammeln. Mitunter ist ein fachlicher Schwerpunkt die zukunftsorientierte Milchviehhaltung. Das interessiert uns hier besonders. Ich freue mich, dass Sie hier sind. Willkommen, Andreas Pelzer.
Werden sich die Herausforderungen im Stallbau in Zukunft stark verändern?
Ich glaube, wir sollten keine Angst vor dem haben, was kommt. Vielmehr sollten wir uns auf die Entwicklung freuen, die vor uns liegt. Wir sind mitten in einer Veränderung hin zu mehr Digitalisierung und mehr Automatisierung. Das ist für mich grundsätzlich etwas Positives.
Natürlich gibt es Regeln und Rahmenbedingungen, an die wir uns halten müssen. Das war aber immer schon so. Gerade beim Stallbau ist es wichtig, nicht aus Angst oder unter Zwang zu handeln. Ein Stall prägt einen Betrieb für viele Jahre, oft für eine ganze Generation. Deshalb sollte man ihn mit Freude, mit Offenheit und vor allem gut vorbereitet angehen. Angst ist beim Stallbau kein guter Ratgeber.
Wovon wird abhängen, wie sich der Kuhstall weiterentwickelt?
Viele denken zuerst an die Wirtschaftlichkeit. Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Aber ich glaube, in Zukunft wird die Ökologie noch stärker bestimmen, wie wir Ställe bauen.
Wir kommen aus einer Phase, in der das Tierwohl sehr stark im Fokus stand. In Zukunft werden zusätzlich Themen wie Emissionen, Flächenversiegelung, Wasser- und Umweltschutz noch wichtiger werden. Aus Gesellschaft und Politik werden dazu mehr Anforderungen kommen. Diese Einflüsse werden den Stallbau sicher stark prägen.
Welche Kriterien werden in Zukunft noch wichtiger?
Ein zentrales Thema sind für mich die Emissionen. Ich halte nichts davon, alles nur über komplizierte Rechenmodelle oder CO2 Äquivalente zu diskutieren. Mir ist wichtiger, dass wir ganz praktisch an die Sache herangehen.
Wenn im Stall Kot liegt, dann muss dieser möglichst schnell weg. Wenn ich ihn direkt in das passende System überführe, etwa in Richtung Biogasanlage, dann nutze ich ihn sinnvoll und reduziere gleichzeitig Emissionen. Genau dort müssen wir ansetzen. Wir müssen die ökologischen Auswirkungen im Stallbau und im Stallmanagement sofort mitdenken.
Rückblickend müssen wir auch selbstkritisch sein. Manche Konzepte, die früher als fortschrittlich galten, waren nicht ideal. Spaltenböden waren aus heutiger Sicht nicht unsere beste Lösung. Die Tiere standen damit zu stark in ihren eigenen Ausscheidungen. Das hat Probleme bei der Klauengesundheit, bei Emissionen und beim Stallgeruch mit sich gebracht. Die Aufgabe für die nächste Generation ist deshalb klar: Wir müssen Wege finden, wie die Laufgänge sauber gehalten werden und wie Kot und Harn möglichst schnell getrennt und abgeführt werden.
Warum sind die drei Stallmodelle aus dem Projekt so unterschiedlich?
Die drei Modelle sind deshalb so unterschiedlich, weil wir im Projekt bewusst die Perspektiven getrennt haben. Wir hatten eine Gruppe mit rund 22 Fachleuten aus ganz Deutschland. Jeder brachte seine eigene fachliche Sicht mit. Der eine dachte stärker aus Sicht des Tierwohls, der andere aus Sicht der Ökonomie, der nächste aus Sicht der Umweltwirkungen.
Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir in einer gemeinsamen Diskussion nicht wirklich weiterkommen, wenn jeder automatisch seine Prioritäten mitdenkt. Deshalb haben wir gesagt: Dann baut jede Gruppe erst einmal ihren idealen Stall. Die Tierwohlgruppe plant den Stall nur aus Sicht des Tierwohls. Die Ökonomengruppe plant den Stall nur aus Sicht der Wirtschaftlichkeit. Die Umweltgruppe plant den Stall nur aus Sicht der Umweltwirkungen. Alle hatten dieselbe Aufgabe, nämlich einen Stall für 240 Kühe zu entwickeln.
Dadurch sind drei in sich schlüssige Modelle entstanden, die ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Genau das macht sie so spannend. Wer sich die Broschüre zu den gesamtbetrieblichen Haltungskonzepten anschaut, sieht diese Unterschiede auch in den Bildern und Skizzen sehr deutlich.
Was zeichnet den Tierwohlstall aus?
Beim Tierwohlstall stand ganz klar die Kuh im Mittelpunkt. Wir haben uns gefragt, wie ein Stall aussehen müsste, wenn möglichst viel Bewegungsfreiheit, Wahlfreiheit und Ruhe für die Tiere erreicht werden soll.
Daraus ist ein Rundstall mit vier Gruppen zu je 60 Kühen entstanden. Die Tiere sollten frei entscheiden können, wann sie fressen, ruhen oder zum Melken gehen. Der Stall war als strohbasiertes System mit viel Fläche gedacht. Der Flächenbedarf war entsprechend groß. Es ging nicht darum, was dieser Stall kostet oder wie effizient er gebaut werden kann, sondern allein darum, was für das Tier am besten wäre.
Wichtig war außerdem der Gedanke, Herdenverbände möglichst stabil zu halten. Auch Fragen rund um die Kälberaufzucht und das enge Zusammenspiel der Tiergruppen wurden mitgedacht. Der Stall war als Vision angelegt und nicht als fertiger Bauplan, aber es gibt durchaus Praxisbeispiele, die in eine ähnliche Richtung gehen.
Was zeichnet den Umweltstall aus?
Beim Umweltstall lag der Fokus darauf, Emissionsflächen möglichst stark zu reduzieren. Deshalb war der Flächenbedarf für dieselbe Anzahl an Kühen deutlich kleiner als beim Tierwohlstall.
Wir haben dort mit Liegeboxen gearbeitet, weil diese selbst kaum Emissionen verursachen. Dazu kamen Fressstände, kuhtoilettenähnliche Ansätze, sammelnde Schieber und eine Trennung von Kot und Harn. Ziel war es, nur dort Emissionen entstehen zu lassen, wo es sich nicht vermeiden lässt, und diese Bereiche möglichst klein zu halten.
Ein wichtiger Gedanke war dabei auch, gewohnte Systeme zu hinterfragen. Zum Beispiel haben wir einen Fünfreiher geplant und mit zusätzlichen Fressbereichen gearbeitet, um Fläche zu sparen und trotzdem praktikable Lösungen aufzuzeigen. Das war bewusst provokant gedacht, nicht als Blaupause zum direkten Nachbauen, sondern als Anstoß für neue Überlegungen.
Was zeichnet den Ökonomiestall aus?
Der Ökonomiestall lag in vielen Punkten zwischen den beiden Extremen. Er war stärker an dem orientiert, was heute in der Praxis schon häufig gebaut wird, aber mit klarer wirtschaftlicher Denkweise.
Geplant war ein klassischer Außenklimastall mit hoher Traufe, offenen Seiten und einem Aufbau, der gute Arbeitsabläufe ermöglicht. Auch hier waren Melkroboter vorgesehen. Die zentralen Funktionsbereiche wie Separation, Krankenbucht und Abkalbebereich lagen so, dass ein großer Teil der täglichen Arbeit auf relativ kleiner Fläche erledigt werden kann.
Trotz aller Wirtschaftlichkeit war auch in dieser Variante klar, dass ein gewisses Maß an Tierwohl Voraussetzung für Leistung und Gesundheit ist. Wirtschaftlich bedeutet eben nicht einfach nur billig, sondern so zu bauen, dass der Stall dauerhaft funktioniert.
Welche Elemente stecken im Kompromissstall?
Im Kompromissstall wurden bewusst Elemente aus allen drei Konzepten zusammengeführt. Aus meiner Sicht ist genau das der spannende Teil, weil hier sichtbar wird, wo sich Tierwohl, Umwelt und Wirtschaftlichkeit sinnvoll verbinden lassen.
Wir haben mit Gruppen von 120 Tieren gearbeitet, also weder sehr kleinen noch sehr großen Gruppen. Wir haben emissionsarme Flächenkonzepte übernommen, also Liegeboxen und Fressstände, um die Emissionsflächen klein zu halten. Gleichzeitig wurden Energieaspekte mitgedacht, etwa durch Gründach und Photovoltaik.
Ein weiterer wichtiger Punkt waren schmale Futtertische. Wenn ich heute von automatisierter Fütterung ausgehe, dann muss ich nicht mehr so planen, wie es früher mit großen Maschinen notwendig war. Viele Futtertische sind in der Praxis deutlich breiter als es für die Kühe nötig wäre. Das kostet sehr viel Fläche, umbauten Raum und Geld. Deshalb sollte man sich konsequent fragen, was wirklich gebraucht wird und was nur aus Gewohnheit mitgeplant wird.
Werden die Kuhställe der Zukunft noch stärker automatisiert?
Davon bin ich überzeugt. Besonders viel Potenzial sehe ich bei der Fütterung. Der Melkroboter nimmt uns vor allem Arbeit ab. Die automatische Fütterung kann darüber hinaus die Herde noch viel gezielter steuern und versorgen.
Wenn ich automatisiert füttere, kann ich Rationen genauer anpassen, häufiger nachlegen und die Tiere immer wieder zum Fressen motivieren. Dort steckt aus meiner Sicht mehr Entwicklungspotenzial als beim Melken.
Ein weiterer großer Bereich ist die Entmistung. Laufgänge müssen sauber gehalten werden. In Zukunft werden wir hier deutlich intelligentere Systeme sehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Roboter nicht einfach nur ständig hin und her fahren, sondern gezielt dort hinfahren, wo durch die Tierbeobachtung und Sensorik gerade frischer Kot erkannt wird. Das wäre ein deutlicher Fortschritt für Tiergesundheit und Emissionsminderung.
Auch beim Umgang mit Gülle und Harn müssen wir intelligenter werden. Nicht alles sollte automatisch in einen großen Güllekeller laufen. Wir sollten Stoffströme viel stärker trennen und direkt in die nächste Nutzung überführen, zum Beispiel in die Biogasanlage oder in separate Systeme für den Harn. Darin liegt ökologisch und wirtschaftlich enormes Potenzial.
Aus welchen Gründen ist ein Gründach auf einem Kuhstall sinnvoll?
Ein Gründach kann mehrere Vorteile miteinander verbinden. Es ist Teil eines Energiekonzepts und kann in Verbindung mit Photovoltaik sinnvoll gedacht werden. Gleichzeitig bringt es ökologische Vorteile mit sich und passt gut in einen Stall, bei dem Umweltwirkungen stärker berücksichtigt werden sollen.
Im Kompromissstall wurde das Gründach deshalb bewusst aufgegriffen, weil es nicht nur um reine Baukosten geht, sondern auch um die Frage, wie ein Stall insgesamt in Zukunft funktionieren und wahrgenommen werden soll.
Muss man neu bauen, um künftig alle relevanten Kriterien zu erfüllen?
Nein, das sehe ich nicht so. Altgebäude können durchaus weiter genutzt werden. In vielen Fällen ist dort noch sehr viel möglich. Entscheidend ist aber, dass man genau hinschaut.
Man muss prüfen, ob Liegeboxenmaße, Fressgitter, Laufgangbreiten und andere Maße noch zur heutigen Kuh passen. Vieles kann übernommen werden, wenn es richtig angepasst wird. Das Problem ist aus meiner Sicht weniger, dass alte Gebäude grundsätzlich ungeeignet wären, sondern dass notwendige Anpassungen oft nicht konsequent gemacht werden.
Ich sehe in der Beratung noch immer sehr viele Ställe mit falsch eingestellten oder falsch eingebauten Liegeboxen. Dabei reden wir seit Jahren über passende Maße. Wenn das Nackenrohr zu tief sitzt, die Box zu schmal ist oder der Kopfraum nicht passt, dann leidet die Kuh darunter. Deshalb gilt für mich: Altgebäude können gut weitergenutzt werden, aber nur dann, wenn man sie sauber auf die Tiere abstimmt und wirklich umsetzt, was notwendig ist.
Was empfehle ich Landwirten mit Kühen in Altgebäuden?
Ich empfehle, zuerst ehrlich zu prüfen, was noch passt und was nicht mehr passt. Nicht alles Alte ist schlecht, aber nicht alles Alte ist automatisch erhaltenswert.
Wichtig ist, die Maße im Bestand sauber aufzunehmen und dann konsequent zu verbessern. Gerade bei Liegeboxen, Fressplätzen, Laufgängen und Tierwegen steckt oft sehr viel Potenzial. Wer ein Altgebäude weiter nutzen will, sollte es nicht einfach nur irgendwie weiterlaufen lassen, sondern gezielt an den entscheidenden Punkten anpassen.
Es kann also viel übernommen werden. Aber man muss dann auch wirklich schrauben, umbauen und verbessern.
Vielen Dank an Andreas Pelzer für dieses interessante Interview und die vielen Denkanstöße rund um den Kuhstall der Zukunft. Besonders spannend finde ich, dass hier nicht einfach nur über Einzelmaßnahmen gesprochen wurde, sondern über das große Ganze: Tierwohl, Umwelt, Arbeitswirtschaft und Wirtschaftlichkeit zusammenzudenken.
Wenn du selbst einen Stall planst, einen bestehenden Stall umbauen möchtest oder gerade vor wichtigen Entscheidungen für die Zukunft deines Betriebs stehst, dann lohnt es sich, diese Fragen frühzeitig und gründlich zu durchdenken. Genau dort entscheidet sich oft, ob dein Stall später wirklich zu dir, deinen Kühen und deinem Betrieb passt.
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Hier geht’s zum Projekt „Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Rind – Milchkühe“
Hier sind die Kontaktdaten zu Andreas Pelzer
